Forschungsmethoden

Methodisches Vorgehen im Projektverlauf

Um in drei Forschungsjahren zu verlässlichen und nachhaltigen Ergebnissen zu gelangen, verfolgt das Forscherteam im Projektablauf mehrere methodische Ansätze: Neue Zugänge, Beratungsanalysen, Netzwerkanalysen und - auf den gewonnenen Erkenntnissen basierend - die Entwicklung.von Fortbildungsmodulen.

Bei all dem ist es für die Forscher*innen eine Grundvoraussetzung, nach strengen ethischen Prinzipien vorzugehen und die Würde aller Beteiligten zu achten (bspw. durch den unbedingten Schutz persönlicher Daten).

Neue Zugänge: Portaltechniken & Zukunftswerkstätten

Unter dem Oberbegriff der "Neuen Zugänge" subsumieren sich zwei methodische Teilansätze. Da wären zunächst die Portaltechniken, bei dem die Untersuchung von Zugangsmöglichkeiten im Vordergrund steht. Neben in die jeweilige Muttersprache übersetzten Informationsmaterialien von Pflegestützpunkten sollen hierbei in erster Linie die Bedingungen der Übergabe dieser Materialien untersucht werden. Aufgrund von Forschungsergebnissen aus vorangegangenen Forschungsprojekten wissen wir, dass nicht nur die muttersprachlichen Informationen, sondern in weit stärkerem Maße die Bedingungen der Übergabe dieser Infos eine ausschlaggebende Rolle spielen; also wer übergibt die Informationen (Vertrauensperson in der jeweiligen Community, migrantische Praxismitarbeiterin beim Hausarzt etc.) wie und wo werden sie übergeben (Orte mit hoher Frequentierung durch Migrant*innen, weitere mündliche Infos bei der Übergabe etc.); dies soll hier genauer untersucht werden.

Der zweite methodische Teilansatz basiert auf der Durchführung sogenannter Zukunftswerkstätten. Zukunftswerkstätten stellen ein demokratisch-partizipatives Verfahren dar, mit dem sich Betroffene mit bestimmten gesellschaftlichen Problemstellungen intensiv auseinander setzen können. Eine Zukunftswerkstatt besteht üblicherweise aus drei Phasen: Kritikphase, Utopiephase, Realisierungsphase. Die im Projekt OPEN in den beteiligten Untersuchungsregionen durchgeführten eintägigen Zukunftswerkstätten, die sich thematisch mit Pflege und Versorgung (und den jeweiligen Zugängen) befassen, werden mit Aufnahmegeräten jeweils dokumentiert. Daraus ergibt sich ein immenses Datenmaterial, das im Nachgang mittels qualitativer Verfahren komparatistisch-rekonstruktiv ausgewertet wird. Aus den so gewonnenen Erkenntnissen zu spezifischen Lebenslagen älterer Menschen mit Migrationshintergrund erhofft sich das Forschungsteam tiefe Einblicke in die Situation der Adressat*innen, sodass sich hieraus wirksame Ansätze für die Praxis entwickeln lassen.

Beratungsanalysen

Im Forschungsteil Beratungsanalysen des OPEN-Projektes, werden Beratungen mit Zugewanderten auf den Verständigungsprozess hin analysiert und in Feedback-Gesprächen mit den Beratenden erörtert, um Fallstricke in den Beratungen aufzudecken und die gegenseitige Verständigung zu fördern.

In diesem Teil des Forschungsprojektes, werden die Mitarbeiter*innen der teilnehmenden Pflegestützpunkte in den Forschungsregionen bzw. der Beratungsstellen für selbstständiges Leben im Alter (Wiesbaden), Sequenzen ihrer (Pflege-)Beratung mit Menschen mit Migrationshintergrund aufzeichnen und dem Forschungsteam zur Analyse bereitstellen. Vor den Aufnahmen der Beratungen wird selbstverständlich die Zustimmung der Ratsuchenden eingeholt, wobei die Auswahl der Aufzeichnungen ausschließlich den Berater*innen und der Zustimmung der angefragten Ratsuchenden obliegt. Dabei findet (sofern notwendig) eine enge Kooperation mit Übersetzer*innen (z.B. Lots*innen) statt.

Anschließend werden durch das Forschungsteam telefonische oder persönliche Interviews durchgeführt, jeweils getrennt mit Berater*innen und Ratsuchenden und so das Beratungsgespräch aus beiden Perspektiven (Berater*in / Ratsuchende) evaluiert.

Durch das Forschungsteam werden die Beratungen, bzw. einzelne Sequenzen sowie die angeschlossenen Interviews analysiert, jeweils mit Fokus auf Abstimmung und Koproduktion im Beratungsgespräch (angelehnt an die Grounded Theory). Anschließend findet eine Rückkopplung - im Sinne eines Feedback-Gespräches - mit den Beratenden statt. Dies soll helfen, die Beratenden im Hinblick Aushandlungsprozesse und ggf. bestehende Dilemmata zu sensibilisieren und gemeinsam Handlungsstrategien zu erarbeiten.

Netzwerkanalysen

Eine Netzwerkanalyse kann grundsätzlich drei unterschiedlichen Netzwerktypen in den Fokus nehmen: Primäre (persönliche) Netzwerke, sekundäre (gruppenbezogene) oder tertiäre (organisationsbezogene) Netzwerke.

Bei Netzwerken handelt es sich zunächst um regelmäßige Interaktionsbeziehungen zwischen Menschen, Organisationen und den in den Organisationen tätigen Mitgliedern. Zu Organisationen gehören z. B. Pflegeberatungsstellen, ambulante / stationäre Pflegedienste, Sozialverbände, Ämter und Behörden oder auch ehrenamtlich geführte Vereine, Selbsthilfegruppen und wohltätige Institutionen. Netzwerke werden gegründet und gepflegt, um komplexe Herausforderungen besser bewältigen zu können. Damit geht die Hoffnung einher, dass sich Probleme des Alltags, wie Kinderbetreuung, Krankheit oder Pflegebedürftigkeit besser bearbeiten lassen und Aufgaben hilfreicher abgestimmt und verteilt werden. Darüber hinaus wird erwartet, dass sich die Vielfalt der Kompetenzen und Ressourcen aller Akteure besser bündeln und bedarfsgerechter abrufen lassen. Soziale Netzwerke schaffen so eine Unterstützungsinfrastruktur, die im Vergleich zu den persönlichen Möglichkeiten des Einzelnen leistungsfähiger sein kann.

Gerade in der Pflegeberatung wird eine Vielzahl von Organisationen und Personen einbezogen. Deshalb werden im Rahmen von OPEN vorrangig organisationsbezogene Netzwerke untersucht - auch weil davon ausgegangen werden kann, dass Hilfe immer dann erfolgreich ist, wenn Bedürfnisse bedarfsgerecht ermittelt und die entsprechenden Organisationen eingebunden werden. Wir gehen davon aus, dass bestehende institutionelle Netzwerke ausbaufähig sind und sich so die Pflegeberatung für ratsuchende Migrant*innen nachhaltig verbessern lässt.

Qualifizierungsmodule

Zu den Zielen von OPEN gehört es, verallgemeinerbare Beratungs- und Case Management-Ansätze zu entwickeln, die den differenzierten Lebenslagen und Lebensweisen von zugewanderten Menschen gerecht werden. Um in gleicher Weise überregional wirksam zu werden, sollen in der letzten Phase des Forschungsvorhabens die Erkenntnisse aus allen oben genannten Arbeitsschwerpunkten nachhaltig manifestiert werden, in dem diese übersetzt und in Qualifizierungsbausteine transferiert werden.

Nachhaltigkeit sichern bedeutet an dieser Stelle, die zu entwickelnden Qualifikationseinheiten (Units) oder Module vor dem Hintergrund der Empfehlungen des GKV-Spitzenverbandes für die Qualifikation von Pflegeberater*innen zu konzipieren. So gilt es an Bestehendes anzuknüpfen, um ein Angebot zu entwickeln, das anschlussfähig ist an etablierte Curricula wie beispielsweise der Qualifizierungsbund der Pflegestützpunkte in Rheinland-Pfalz (PSP-RLP) eines entwickelt hat, das in den GKV-Richtlinien niedergeschrieben steht und für dieses Bundesland verbindlich ist. Das neu ausgelegte Curriculum mit der Perspektive der Milieusensitivität fungiert auch als Grundlage für eine Modulentwicklung der Zertifizierungskurse Case Management der Deutschen Gesellschaft für Care und Case Management (DGCC). Die im Projekt erprobten Vorgehensweisen und Verfahren der Beratung und des Schnittstellenmanagements sollen darüber hinaus in ein breites Regelangebot überführt werden. Dies bedeutet, dass die an der Frankfurt University of Applied Sciences (FRA-UAS) in Modulen der Studiengänge Pflege und Soziale Arbeit erprobten und evaluierten Qualifikationseinheiten besonders den Ausbildungsstätten für Pflegeberater*innen der Krankenkassen, der ambulanten Pflegedienste und der privaten, freigemeinnützigen sowie öffentlichen Träger zur Verfügung gestellt werden. So kann eine Implementierung der Studienergebnisse in den Beratungsalltag fokussiert sowie initiiert werden.

 

Ethik & Datenschutz

Eine zentrale Aufgabe bestand zu Projektbeginn darin, „ethische Unbedenklichkeit“ sicherzustellen bzw. diese von der Ethikkommission der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V. begutachten zu lassen. Kriterien hierfür sind beispielsweise ein steter Informationsfluss zwischen allen Mitwirkenden zum Forschungsprozess. Auch müssen alle Erhebungen durch Pseudonymisierung vertraulich behandelt werden. Ferner kann sich jeder Projektpartnerjederzeit ohne Nachteil für sich aus der Kooperation zurückziehen. Ein würdevoller, individuell wertschätzender und milieunaher Umgang unter allen Beteiligten hat bei allen Forschungszielen den höchsten Wert für uns.